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Vom Umgang mit ungeliebten Patienten

Alle Thereapeut:innen kennen das – es gibt Patienten und Patientinnen, die man einfach nicht aushalten kann. Es gibt die Sorte von Kranken, die nur jammern, oder andere, die überhaupt kein Gefühl für Ihre Krankheit oder Ihren Körper haben.

Es gibt die, die nicht aufhören können zu joggen, obwohl sie schon seit Jahren chronische Knie- oder Achillessehnen-Probleme haben, und es gibt die unendlich Faulen. Ernsthaft, es gibt Patient:innen, die sind so faul, dass sie die kleinsten Übungen nicht auf die Reihe bekommen.

Ich hatte einige Jahre lang eine schwerkranke Hausfrau in Behandlung, die sich strikt geweigert hat, jedwede Übung zu machen. Natürlich war sie massiv übergewichtig, aber daran waren natürlich nur die Medikamente schuld. Ernährungsumstellung? Auf keinen Fall, sie isst ja eh nichts. Übungen? Nein, also wirklich – keine Zeit! Wie sollte sie denn das noch unterbringen in ihrem Hausfrauen-Terminplan? Sie stiege ja eh täglich mehrmals die Treppe hoch und runter.

Einmal hab ich ihr geraten, einfach nur nach dem Aufstehen am Morgen kurz in die Hocke zu gehen und mit den Händen den Boden zu berühren. Damit die Wirbelsäule und die großen Gelenke wenigstens ein Mal am Tag ein bisschen über das Minimum hinaus durchbewegt werden. Selbst dafür hatte sie keine Zeit.

Aber um sich zwei Mal die Woche ausgiebig massieren zu lassen, zahlt ja alles die Versicherung, dafür hatte sie sehr wohl Zeit. Aber bitte nur Massage und Lymphdrainage. Gymnastik? Was? Steht am Rezept? Nee, nee. Gymnastik brauch ich echt nicht. Massieren hilft da viel besser.

Damals war ich noch jünger und weniger selbstbewusst, und bildete mir auch ein, auf diese Patientin finanziell angewiesen zu sein. Immerhin zwei Mal in der Woche für eine ganze Stunde – da kommt schon ein bisschen was zusammen. Heute würde ich das nicht mehr machen. Wenn jemand so gar keine Lust hat auf Therapie, muss ich mir heute nicht mehr die Handgelenke wund massieren. Dann breche ich aufgrund mangelnder „Compliance“ die Therapie ab. Compliance, das ist die Fachbezeichnung für den Willen eines Menschen, in der Therapie mit den behandelnden Personen zusammenzuarbeiten.

Für jede Patientin, die man in Liebe loslässt, kommen zwei neue, die netter sind und besser zahlen.

Es gibt noch eine lustige Geschichte zur übergewichtigen, vielbeschäftigten Hausfrau. Einmal wurde sie zu einem Facharzt überwiesen. Weil sie einfach ständig schlimme Schmerzen hatte, und weil sie es auch gewohnt war, seit Jahren von Arzt zu Arzt zu rennen. Ja, sie erwartete es geradezu, mindestens ein Mal pro Halbjahr zu einem neuen Facharzt überwiesen zu werden.

Also war wieder mal ein neuer Arzt an der Reihe. Allerdings war der nicht bereit, ihr Spielchen mitzuspielen. Bei der nächsten „Therapie“-, also Massagestunde, erzählte sie mir höchst empört, was vorgefallen war beim Facharzt.

Gleich, nachdem sie den Raum betreten hatte, hatte er sie wohl von oben bis unten gemustert und sie kurz gefragt, warum sie bei ihm zu Gast war. Sie antwortete mit ihrer, über die Jahre gut einstudierten, Story von Dauerschmerzen, für die sie überhaupt nichts könne, und bei denen ihr bisher niemand helfen konnte.

Daraufhin muss wohl dieser ziemlich coole und auch sehr mutige Arzt zur Patientin gesagt haben: „Sie haben starke Schmerzen? Da kann ich Ihnen auch nicht helfen. Fressen Sie nicht so viel, und bewegen Sie sich mehr, dann tut Ihnen auch nicht so viel weh.“ Und er hat sie ohne Behandlung weggeschickt. Als sie mir das kochend vor Empörung erzählt hat, hab ich innerlich vor mich hingeschmunzelt. Ich hätte mich das niemals getraut!

Tatsächlich hab ich mich noch einige Jahre mit der Frau gequält. Ich hab noch eine ganze Zeit gebraucht, bis ich es mir wert war, mir das nicht mehr anzutun. Und mit der Ehrlichkeit ist das ja auch so eine Sache. Oft ist die Wahrheit sehr verletzend. Und das will ich ja auch nicht – Menschen verletzen.

Über die Jahre habe ich für mich eine gute Möglichkeit gefunden. Wenn ich sehe, ich komme mit einem Patienten/einer Patientin nicht klar, bin ich vor allem ehrlich zu mir selbst.

Ich gestehe mir selber ein, dass ich darauf keine Lust habe. Ich erlaube mir selbst mittlerweile, manche Menschen einfach nicht berühren zu wollen. Man macht ja nicht einfach nur eine Massage, Lymphdrainage, Gelenktechniken oder ähnliches, man greift ja auch voll in die Aura des Menschen auf der Liege. Man berührt Haut und Sinneszellen, man hat maximalen Kontakt. Früher dachte ich, Augen zu und durch, wenn ich jemanden nicht anfassen wollte. Heute gestatte ich mir selber die Ablehnung.

Aber ich muss das ja dem Gegenüber nicht erklären. Ehrlichkeit findet in allererster Linie in mir selbst statt. Ich bin auch von dem Gedanken abgekommen, dass der oder die andere das verstehen muss. Wenn ich jemanden nicht (mehr) behandeln will, dann mache ich es einfach nicht.

Aus den tausend Gründen, die dafür sprechen, die Behandlung abzubrechen, suche ich mir dann einfach den aus, der für den Patienten/die Patientin am wenigsten verletzend ist. Ehrlichkeit beginnt vor allem in einem selbst. Nicht im Außen.

Vielleicht fragst Du jetzt, was Du mit dieser Info machen sollst, wenn Du als angestellte Physiotherapeutin arbeitest?

Hier meine ehrliche Antwort: Genau deswegen hab ich mich vor vielen Jahren selbstständig gemacht. Weil ich mir mein Klientel selbst aussuchen wollte. Weil ich keine Lust mehr hatte auf 20-Minuten-Wahnsinn und Weisungsgebundenheit. Ja, ich hab dafür auf sehr Vieles verzichtet. Und ja, das war anstrengend und schwierig. Und nein, als Angestellter wirst Du niemals frei sein. Wie Du da mit schwierigen Patienten umgehst? Da gibt es nur eine Möglichkeit: Augen zu, und durch. Das ist ziemlich unwürdig? Ja, stimmt. Deshalb mache ich es auch nicht mehr. Ach, das geht nicht, weil Du ja angestellt bist? Und Selbstständigkeit ist schwierig, und man muss sich selber versichern, und alles ist kompliziert…. Ja, das stimmt. Freiheit und Würde gibt es nicht umsonst.

Aber… wenn sich jetzt alle Physiotherapeuten selbstständig machen würden… Oh, was für ein wundervoller Gedanke! Dann würden alle unangenehmen Patienten plötzlich keine Behandlungen mehr bekommen. Dann müssten sie ja am Ende doch noch selber was machen, weil es ja sonst keiner tut… Und dann wären alle Therapeuten plötzlich frei! Und es gäbe keinen 20-Minuten-Takt mehr, und die Kassen und das ganze System würden ganz schön blöd dastehen!

Was für eine unrealistische Träumerei. Dann doch lieber schön sozialversichert bleiben, und bei den ekligen, ungewaschenen, unangenehmen Patienten Augen zu und durch.

Als Belohnung gibt es Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlten Urlaub.

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